Standortphysiologie

Unter Standortphysiologie verstehen wir den Zusammenhang der Prozesse im Boden in ihrer Wechselwirkung mit dem Wachstum der Pflanzen und dem Bodenleben. Dazu kommen noch die Einflüsse des Klimas und der Witterung im Jahreslauf. Die Aufgabe des Landwirts ist es, diese Vorgänge insbesondere durch die Bodenbearbeitung so zu beeinflussen, dass ein ertragreiches, gesundes Kulturpflanzenwachstum möglich wird. Bisher wurden diese Fragen eher symptomorientiert angegangen. Wir schlagen vor, an der Prozessordnung zu arbeiten aber die muss man eben verstehen.

Mit diesen Themen beschäftigt sich das jährliche Kirchberger Distel-Orchideen-Seminar der BTQ.

In vielen Kirchberger Hausgärten wachsen Orchideen wie das Unkraut: ungepflanzt und ungesät. Ihr Samen ist nämlich überall in der Landschaft verbreitet. Aber ihr Auftreten hängt von einer Gemeinschaft von Bodenlebewesen ab, die recht selten sein kann. Bei Kulturbegleitpflanzen, welche sich zu Konkurrenzpflanzen entwickeln können, ist das vergleichbar: auch ihre Samen sind überall verbreitet, dagegen ist aber ihre Lebensgemeinschaft im Boden recht verbreitet. Unkrautregulierung wird traditionell eher als Symptombehandlung mit Maßnahmen mechanischer Bodenbearbeitung, bestimmten Fruchtfolgen und seit einigen Jahrzehnten mithilfe chemisch-synthetischer Wirkstoffe durchgeführt. Im Rahmen einer zeitgemäßen Landwirtschaft muss heute aber erwartet werden, dass die Landschaft und der Nahrungsstrom für den Menschen mit immer weniger ökosystemfremden Wirkstoffen belastet werden. Nach unserer Erfahrung existieren Anhaltspunkte für autoregulative Aspekte des Bodens, aufgrund welcher erst die Symbiose mit bestimmten Bodenlebewesen die Ackerkratzdistel zu einer störenden Begleitpflanze macht. Anhaltspunkt dafür, dass diese Pflanzen die Sonne weniger zu ihrem Leben brauchen als andere, ist, dass sie sogar im Schatten gedeihen. Die Orchidee Nestwurz (Neottia nidus avum) wächst bei uns in Kirchberg sogar im tiefsten Schatten; sie braucht überhaupt gar kein funktionsfähiges Chlorophyll (!), weil sie energetisch ganz aus dem Boden ernährt wird. Auch die Orchidee des Jahres 2009, das Männliche Knabenkraut (Orchis mascula L.) wächst in der Landschaft um Kirchberg.

Nach gängiger Theorie der Pflanzenernährung sind Kulturpflanzen autotroph, demnach erhalten sie ihre Energie allein aus der Sonne und der Boden liefert theoretisch nur Wasser und Mineralstoffe. Auf dieser Grundlage ist aber nicht erklärbar, warum Kulturbegleitpflanzen allen voran die Ackerkratzdistel - sich zuweilen so entwickeln können, dass sie Kulturpflanzen im Wachstum überholen. Gibt es also "Kräfteflüsse aus dem Boden"? Entsprechende Prozesse sind für einheimische Orchideen, Scrophulariaceen und Pyrolaceen bekannt. Auch nach dem Bild der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise gibt es entsprechende Anhaltspunkte für solche Phänomene des Pflanzenwachstums. Hier hat die Wissenschaft des ökologischen Landbaues eine wichtige Forschungsaufgabe zu lösen. Die tut sich damit noch etwas schwer. Aber auch jetzt schon können wir dem Praktiker zeigen, wie er Bodenpflege am besten gestaltet, damit er weniger Unkrautprobleme hat; und das steht im Mittelpunkt dieses Seminars.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Betrieb von Ernst Weber nur wenige Kilometer von Kirchberg entfernt in Engelhardshausen. Er wirtschaftet auf schweren Muschelkalk- und Keuperverwitterungsböden und konnte mit Beratung von H. Heilmann durch flache Bearbeitung mit dem Stoppelhobel sein Distelproblem lösen. Hier gelang auch die bisher wichtigste Leistung unseres Arbeitkreises: der Nachweis der Rhizomdormanz bei der Ackerkratzdistel. Das heißt: wenn wir eine Strategie fahren, mit deren Hilfe wir Samen und Wurzeln dieser Kulturbegleitpflanze bei hohen Erträgen am Schlafen halten, brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen.

Stoppelhobel 2006

Ansprechpartner: Ernst Weber

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